Warum es sich lohnt, sich nicht immer alles zu glauben, was man denkt (und fühlt).

Im Coaching erzählen mir Klient:innen öfter, wie sehr sie das Verhalten einer Kollegin oder eines Mitarbeiters irritiert oder stört. Ich höre Sätze wie: „Er mag mich nicht.“, „Der ist doch total unmotiviert.“ oder „Sie arbeitet gegen mich.

Hineinsteigern bringt keine Klarheit

Meist haben die Klient:innen das Thema schon in der eigenen „Blase“ vielfach besprochen und versucht, mögliche Gründe für das Verhalten zu finden. Manchmal hat sich dabei schon viel Unmut zusammengebraut und die Person kam zu einer unverrückbaren Bewertung des Anderen.

Nur eins fehlt oft noch: Der tatsächliche „Realitätscheck“ 🔍.

Hast du denn schon mal mit der Kollegin / dem Mitarbeiter direkt gesprochen?“, frage ich dann. Und bekomme oft ein „Nein.“ – Manchmal aus Vermeidung, manchmal aus falsch verstandener Freundlichkeit, Zeitnot oder einem anderen Grund.

Subjektive Wahrnehmung statt objektiver Wirklichkeit

Wichtig ist es zu wissen: Die eigene Wahrnehmung ist NICHT die Realität. Sondern etwas, dass in meinem Kopf entsteht (Stichwort Konstruktivismus).

Ich bringe dabei immer mich, meine persönlichen Filter, Bedürfnisse, meine Erfahrungen, meinen Fokus, meine Perspektive und meine Gefühlswelt mit.

Wenn ich zum Beispiel Hunger habe, nehme ich eine Situation anders wahr als satt. Oder seit wir eine Katze haben, sehe ich überall Katzen…🐈‍⬛. Für meinen kanadischen Kollegen sind Temperaturen um den Gefrierpunkt schon frühlingshaft, für mich noch richtig kalt 😉.

Auch Unsicherheit, Angst oder fehlende Anerkennung wirken sich stark auf die eigene Wahrnehmung aus, ebenso Freude und Neugier. Im Gehirn finden dann völlig andere Prozesse statt.

Umso wichtiger ist es herauszufinden, wie die andere Person die Situation empfindet, und was sie dazu denkt. Das ist der Realitätscheck 🔍.

Ein Beispiel aus der Praxis

Eine Klientin hatte das Gefühl, dass ein Mitarbeiter ihr gegenüber unfreundlich und forsch auftrat.

Wir besprachen anhand einer konkreten Situation, was sie genau an dem Verhalten des Mitarbeiters irritierte. Und vor allem: Was sie dadurch über sich selbst lernen kann, insbesondere über ihre Bedürfnisse und ihre eigene Rolle in der Beziehung!

Relativ neu in der Führungsrolle fühlte sie sich nämlich manchmal noch unsicherer, als sie es gern gewesen wäre. Das bereitete ihr Unbehagen, und dieses Empfinden wurde nun durch das Verhalten des Mitarbeiters noch befeuert.

Vorbereitung für den Realitätscheck

Sie ließ sich auf das Experiment ein, mit ihm ein Gespräch zu führen. Wir bereiteten es in Ruhe vor – inklusive Ziel, Rahmen, Ablauf, ausgewählten Fragen und Formulierungen und der klaren eigenen Haltung.

Damit fühlte sie sich gut aufgestellt und innerlich gestärkt, bereit für die Umsetzung.

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Wie es weiterging…

Bei der nächsten Coaching-Session kam meine Klientin energiegeladen zur Tür herein. „Susanne, du wirst es nicht glauben, aber…

Sie hatte das Gespräch geführt und ihre eigene Wahrnehmung als Ich-Aussage formuliert. Dann hat sie dem Mitarbeiter in Ruhe zugehört und seine Perspektive kennengelernt.

Und die war – Überraschung 😉 – ganz anders als angenommen!

Der Mitarbeiter hatte einen hohen Perfektionsanspruch und wollte unbedingt alles richtig machen. Vor der neuen Chefin unbedingt gut dastehen. Themen ohne große Umschweife auf den Tisch bringen. Das ließ ihn für sie forsch und unfreundlich wirken – doch war dies in keinster Weise seine Absicht. Im Gegenteil!

Sie besprachen nun – froh über das Wissen beider Perspektiven und den gegenseitigen Realitätscheck – wie sie in Zukunft miteinander arbeiten wollen. Ganz konkret. Sie vereinbarten, Irritation frühzeitig und wertschätzend anzusprechen – bevor sich etwas „zusammenbrauen“ kann. Und regelmäßig Feedbackgespräche zu führen.

Meine Klientin war dankbar für diese Erfahrung und geht seitdem souveräner mit ähnlichen Situationen um. Sie fragt früher nach den Perspektiven der beteiligten Personen und hört wirklich zu – möglichst unvoreingenommen.

Schon wieder „Sozialklimbim“ und „Drüberreden“ anstelle von hartem Durchgreifen, denkst du vielleicht?

Tatsächlich ist ein klarer Arbeitsrahmen und eine konstruktive Kommunikation die Grundlage für eine gute UND ergebnisorientierte Zusammenarbeit. So entsteht eine wertschätzende und leistungsfördernde Arbeitsatmosphäre.

Also ein langfristiger Gewinn für die Beteiligten UND für das Ergebnis!

Realitätschecks sind in jedem Fall zielführender als die willkürliche Machtdemonstration – die nützt nämlich nur der stärkeren Partei, um sich selbst (kurz) besser zu fühlen.

Leider verpufft das Gefühl der Überlegenheit in der Regel schnell, aber die Schäden bleiben.

Ebenso gefährlich ist das (scheinbare) Ignorieren unangenehmer Themen. Bis alle unter den Teppich gekehrten Dinge  unkontrolliert explodieren. WUMM!

Dann nutzt Reden wirklich nichts mehr.

Alles beginnt mit Mut und Selbstkenntnis…

Dinge anzusprechen, die schief liegen, braucht Mut und die Bereitschaft, sich wirklich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die eigenen Bedürfnisse, „roten Knöpfe“, Eigenschaften, Gefühle und Wahrnehmungsfilter zu kennen.

Sich ehrlich zu reflektieren und Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Anstatt den eigenen Unmut beim Gegenüber abzuladen (oder bei sich abladen zu lassen).

Um dann offener auf andere zuzugehen und immer leichter „Realitätschecks“ zu wagen😊.

Manchmal würdest du gern noch gelassener und selbst-bewusster…

…unangenehme Situationen ansprechen, für dich einstehen und deine Rolle ausgestalten?

Ich begleite dich im Karrierecoaching und Führungscoaching gern ein Stück dabei.